Essay · Die andere Medizin

Lass es los.
Mach's doch anders.

Über das Recht auf mehr Sein als Schein. Das Recht, das falsche Spiel zu verlassen

Es gibt einen Moment, den ich kenne – nicht aus Büchern, sondern aus den Gesichtern der Menschen, die mir gegenübersitzen –, in dem jemand aufhört, die richtige Patientin zu sein, und anfängt, sich selbst zu fragen: Wie bin ich eigentlich hierher gekommen?

In die Tasche mit den fünf Medikamenten. In den Körper, der sich fremd geworden ist. In das Leben, das irgendwann aufgehört hat, das eigene zu sein – unmerklich, scheibchenweise, unter dem Deckmantel von Vernunft und Fürsorge und dem, was man eben tut, wenn man älter wird.

Das Medizinsystem, in dem wir uns bewegen, ist nicht böse. Es ist – und das ist vielleicht das Schwierigere – strukturell blind für bestimmte Fragen. Es wurde gebaut, um Zustände zu stabilisieren, Werte in Normbereiche zu zwingen, Abweichungen zu korrigieren. Was es nicht gelernt hat: zu fragen, warum ein Körper sich entzündet, warum ein Mensch erschöpft, warum eine Frau mit zweiundsechzig das Gefühl hat, dass sie nicht mehr lebt, sondern verwaltet wird – von Leitlinien, von Grenzwerten, von der stillen gesellschaftlichen Erwartung, dass man in diesem Alter bestimmte Träume bereits abgelegt haben sollte.

Diese Normen sind keine Naturgesetze. Sie sind Entscheidungen – getroffen in Studien, in Gremien, in Pharmaunternehmen, in Köpfen, die nicht Ihr Kopf sind.

Und wer das einmal verstanden hat, wer den Moment erlebt, in dem sich das Selbstverständliche als das Konstruierte offenbart, der kann nicht mehr so tun, als wäre es anders.

Ich denke oft an ein Baby – sechs Monate alt, der ganze Körper entzündet, Neurodermitis, die sich ausbreitet wie ein stilles Aufschreien der Haut. Die Eltern hatten alles getan, was man ihnen gesagt hatte: Kortison, dann stärkeres Kortison, dann Biologicals, jene Medikamente, die das Immunsystem dämpfen, damit es aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen. Was in dieser Geschichte fehlte, war keine bessere Creme und kein neueres Präparat. Es fehlte eine einzige, hartnäckige Frage: Warum entzündet sich dieser Körper überhaupt?

Mit elf Monaten war die Neurodermitis verschwunden – nicht durch Immunsuppression, sondern durch Ernährung, Fermente, Zuspruch und durch Eltern, die den Mut gefunden hatten, ein Spiel zu verlassen, das nicht ihres gewesen war.

Loslassen, das möchte ich präzisieren, ist nicht dasselbe wie aufgeben. Es ist vielmehr die Kunst der Unterscheidung: das Richtige loszulassen. Die Kortison-Logik. Die fünfte Tablette. Das Schönheitsideal, das den eigenen Körper seit Jahrzehnten kommentiert und bewertet. Die Überzeugung, dass Gelenkschmerzen jetzt eben dazugehören, weil man in einem bestimmten Alter angekommen ist. Die Angst, beim Arzt eine unbequeme Frage zu stellen – oder bei sich selbst.

Was ich in meiner Arbeit beobachte, ist dies: Die meisten Menschen haben längst gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie haben es gespürt in der Erschöpfung, die kein Blutbild erklärt. In dem Gefühl, dass die Behandlung das Problem verwaltet, ohne es zu berühren. In dem leisen, hartnäckigen Verdacht, dass es einen anderen Weg geben könnte – wenn man nur wüsste, wo er beginnt, und wenn man sich erlauben dürfte, ihn zu suchen.

Sie dürfen.

Manchmal reicht der Weg weit – weiter, als man zunächst ahnt. Wer beginnt, die Spielregeln seiner Gesundheit zu hinterfragen, wird irgendwann auch andere Regeln befragen: die des Körperbildes, der Lebensstilannahmen, der gesellschaftlichen Erwartungen ans Älterwerden. Und in seltenen, ernsten Momenten auch die letzte und schwerste Frage, jene, über die Deutschland viel zu lange geschwiegen hat: die Frage nach dem selbstbestimmten Ende. Selbstbestimmung, so meine ich, ist nicht teilbar. Sie hört nicht auf, wo es unbequem wird. Selbstbestimmung ist ein Grundrecht. Artikel 2 des Grundgesetzes.

Was ich tue, ist kein Gegenentwurf zur Medizin, kein Feldzug gegen Leitlinien, keine Romantisierung des Natürlichen – denn auch die Natur ist kein Argument, sondern ein Befund, der interpretiert werden will. Es ist der Versuch, den Raum der Fragen zu weiten. Zu fragen, was dieser Körper braucht, was dieses Leben will, was Sie – nicht Ihre Diagnose, nicht Ihr Befund, sondern Sie, mit Ihrer Geschichte, Ihrer Komfortzone, Ihren stillen Widerständen – eigentlich wollen.

Die Antwort ist manchmal Ernährung. Manchmal Bewegung, Schlaf, das Gespräch, das seit Jahren aussteht. Manchmal der Mut, eine Verordnung zu hinterfragen, ein Ideal loszulassen, eine Gewissheit aufzugeben. Und manchmal – schlicht und zutiefst menschlich – das Gefühl, gesehen zu werden. Nicht als Fall. Als Mensch.

Lass es los.
Mach's doch anders.

Das ist keine Formel und kein Versprechen. Es ist eine Einladung zu einer Medizin, die fragt, bevor sie verwaltet – die begleitet, statt zu kontrollieren, und die Sie als Menschen ernst nimmt: mit Ihrem Körper, Ihrer Angst, Ihrer Würde und Ihrem unverhandelbaren Recht, das eigene Leben zu leben.

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